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Unerfahrenheit bedeutet auch Perspektive
Sep. 05, 2010 / Nationalmannschaft
by Flo Holnburger
Das DBB-Team in der Einzelkritik
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105 Sekunden fehlten und alles wäre jetzt gut. Eine Minute und 45 Sekunden vor Ende brachte Tim Ohlbrecht, das deutsche Team mit 9 Punkten in Führung. Ja, es ist ziemlich mies diesen komfortablen Vorsprung nicht über die kurze Zeit gerettet zu haben, aber man sollte die viel besagte Kirche in Dorfe lasse. Richtig peinlich ist vielmehr so etwas: Patrick Stefan lieferte die Definition von Peinlichkeit Klick. Ehrlich, wäre diese Aktion eine Person, trüge sie ein riesiges „Kick me“-Schildchen auf dem Rücken. Wie drückte es DBB-Chef Ingo Weiss außerdem aus: „Die Fortschritte und den Erfolg bei der WM lassen wir uns nicht kaputt reden!“ Da hat er auch wieder recht, hier also die Einzelkritik nachdem sich der erste Staub legte.

„Wir werden das nächste mal cleverer auftreten.“, versprach Boss Weiss zudem. Ja, eine bis auf Jagla, Greene und Hamann komplett Euroleague-unerfahrene Truppe verhielt sich keinesfalls clever und verlor vermutlich vor allem auch deshalb in den entscheidenden Situationen den Kopf. Diese harten WM-Minuten sind daher gleich doppelt wertvoll. In weniger als vier Wochen beginnt derweil bereits die neue Clubsaison.


Jan Jagla – 13.8ppg – 6.2rpg – 3apg – 65%3er
Jagla versuchte sich als Führungsspieler und minimierte dabei sogar seine Dauer-Diskussionen mit den Refs. Insgesamt machte Jagla seine Sache insgesamt gerade noch zufriedenstellend, passte gut und band sich meist effizient in der Defense ein. Immerhin ist er ein Spieler – dies vergisst man gerne - der in seinem polnischen Vereins-Team nur als Rollenspieler eingesetzt wird. Wohl auch deswegen konnte Jagla ausschließlich gegen Serbien die Rolle des Leaders voll ausfüllen, als er für den Moment dieser WM sorgte! Unverständlich dagegen seine Performance gegen Angola. Zwar pfefferte er satte sieben Dreier in die Reuse, warum er aber mit 10 bis 15cm Längenvorteil nicht die leichteren Punkte in der Zone suchte bleibt ein Rätsel für die Ewigkeit. Trotzdem, sein Wurf war einfach superkalifragiexpialigalietisch.
→ Wenn Nowitzki und Kaman zurückkehren, wird Jagla zwar öfters als Center spielen, aber dennoch deutlich weniger Einsatzminuten erhalten.

Heiko Schaffartzik – 9,4ppg – 2,8apg –2,6TO – 40%3er
Heiko wie er leibt und lebt. Vernachlässigbar in der Zone (20% Quote), dafür meiselt er die verrücktesten Würfe von Downtown in den Korb. Er kann seine eigen Würfe kreieren, was wichtig für das Team war. Allerdings kam wieder die berechtigte Frage auf, ob er nicht dauerhaft auf die Zwei wechseln soll. Schaffartzik wird auf internationaler Ebene wohl kein adäquater Spielmacher mehr.
→ „Der Verrückte“ bleibt auch in Zukunft absolut unverzichtbar

Tibor Pleiß – 8.2ppg – 6rpg - 92%FT
Pleiß finishte so, wie er begann. Stark. Dazwischen enttäuschte er. Aber nur sein Abtauchen gegen Angolas Zwerge darf man ihm wirklich übel nehmen. Highlight war sicherlich das Match gegen Argentinien und dessen ausgefuchsten Center Fabricio Oberto, als er wie ein Leuchtturm in der Brandung für vorbildliche Mannschaftverteidigung sorgte. Erwähnenswert ist der sichere Freiwurf des Riesen. Dies macht ihm neben seiner starken Defense zum unverzichtbaren Crunchtime-Spieler.
→ Auch wenn man den 20-jährigen jetzt schon in die NBA werfen könnte, sollte er noch ein zwei Jährchen in Europa geparkt werden. Pleiß hat alle Ansätze die „Socke“ (Femerling) zu ersetzen und vermutlich noch mehr zu erreichen.

Tim Ohlbrecht – 8ppg – 4,4rpg – 63%2er – 44%3er
„Timmy O“ spielte erfreulich gut. Anfangs versteckte er sich noch oder machte seine obligatorischen Fehler. Ausgerechnet beim Wegwerf-Spiel gegen Australien fand er ins Turnier und ließ fortan nicht mehr locker. Großartig war seine Leistung gegen Angola, als er Deutschlands einziger Spieler war, der konstant den Zonen-Fight annahm.
→ Schade, wenn Nowitzki, Kaman und auch Kapitän Schultze zurückkehren, dürfte der 22-jährige kaum Zeit erhalten. Aber, er kann von seiner Turnierleistung profitieren und sich in Bonn unter Coach Mike Koch zum unverzichtbaren Leistungsträger entwickeln.

Demond Greene – 7,2ppg
War in den ersten beiden Spielen gegen die Schwergewichte (ARG, SRB) der Leistungsträger und kam auf 17,5 Zähler im Schnitt. Danach war seine Form wie abgewürgt. Er traf in drei Spielen keinen einzigen Feldwurf mehr!
→ 31 Jahre ist eigentlich kein Basketballalter, dem von Verletzungen schwer mitgenommenen Greene darf man aber vermutlich noch 5 Jahre biologischen Alters draufpacken. Nächste Saison spielt er nur in der zweiten Liga und sieht demnach zwei Jahre die Euroleague höchstens von der Mattscheibe aus. Trotzdem, sollten sich keine weiteren Zweier hervortun, bleibt er unverzichtbar... Schwethelm. Staiger oder auch Karsten Tadda stehen jedoch in den Startlöchern.

Lucca Staiger – 7.3ppg
Streaky as hell. Drei Spiele eiskalt wie ein Eiswürfel (Bauermann verzichtete sogar auf ihn gegen Serbien), dann schießt er Deutschland gegen Angola beinahe zum Sieg und finisht darauf die WM mit einer couragierten Leistung. Staiger hat die feinste Wurftechnik des Teams, die nötige Länge (1,95m) um auf der Zwei zu rulen und offenbar auch den Willen zu harter Arbeit – letzteres bewies er durch zahlreiche Penetrations.
→ Es bleibt zu hoffen, dass Staiger bei ALBA wenigstens 15 Minuten pro Spielabend ran darf. Falls nicht, geht die Yabazz-Crew höchstpersönlich mit den mittlerweile etwas vergilbten „Free Lucca“-Schildern im Protestmarsch nach Berlin.

Steffen Hamann – 5,4ppg – 3,4apg – 2,0apg
Man darf nicht den Fehler begehen, Hamanns Leistung auf die zwei dämlichen Ballverluste gegen Angola zu reduzieren. In den ersten beiden Partien war er eine unglaublich wichtige Stütze für das Team. Außerdem hat er auf der Eins natürlich auch einen selten undankbaren Job.
→ Hamanns Stil ist ein gutes Asset für jedes Team, allerdings sollte neben ihm ein echter Playmaker im Kader stehen. Ein Jahr spielt er jetzt erst mal in der ProA, d.h. mindestens zwei Jahre ohne Europa-Basketball. Eine durchaus seltsame Entscheidung für einen Spieler, der mitten in der Prime, seinem Zenit steht.

Chris McNaughton – 5,4ppg – 2,6rpg

„Naughty“ tut was er am Besten kann. Mit seiner mittelalterlichen Spielweise kann er jedem Gegner Schaden zufügen. Highlight war sicherlich sein bärenstarkes Match gegen Serbiens mächtige Frontcourt-Riege.
→ Gutes Turnier des 27-jährigen Spätstarters. Hinter Nowitzki, Kaman, Jagla, Pleiß, Schultze und Ohlbrecht dürfte aber für die nächsten zwei Jahre kein Platz mehr im Kader sein.

Robin Benzing – 4,6ppg – 33%2er – 30%3er
Eigenwerbung bei NBA-Scouts war das nicht. War die Schelte Bauermanns zu viel für ihn? Vermutlich verließ aber den noch unbeständigen Benzing die Form zur blödest möglichen Zeit.
→ Unverzichtbarer Bestandteil der Zukunft. Benzing wird seinen Weg machen, muss aber noch mehr an der Athletik arbeiten. Da er genetisch wohl zum Spargeltarzan veranlagt ist, bedeutet dies besonders harte Arbeit für die nächsten Jahre.

Philipp Schwethelm – 4.4ppg – 46%3er
Eigentlich sollte er den Begriff Hinterbänkler neu definieren. Am Ende der WM definierte er aber eher den Begriff „Hustler“ neu. Nervenstark und kampflustig spielte er sich in die Herzen der Fans.
→ In dieser Form unverzichtbar für die Nationalmannschaft.

Elias Harris – 3.4ppg – 2rpg
War offensiv nicht existent, seine athletischen Stärken blieben de facto ungenutzt. Wenn er frei war spielte man ihn nicht an. Fand sich diesmal offenbar nicht im starren System Bauermanns zurecht, auch weil er oft zu unkontrolliert spielt.
→ Müsste auch die DBB-Zukunft mittragen können, seine Leistung bei dieser WM blieb aber rätselhaft.

Per Günther – 0ppg - 0,7apg
Kam mit, zahlte Lehrgeld, spielte aber ordentliche Schlussminuten.
→ Muss natürlich noch viel lernen, könnte aber mal so etwas wie ein echter Spielmacher werden.

Dirk Bauermann
Er stellte das Team großartig gegen Argentinien und Serbien ein. Seine Philosophie einer starken Mannschaftsverteidigung schien aufzugehen. Unglaublich wie er defensive Abtaucher wie Schaffartzik, Benzing und Staiger zu hochklassiger Team-Defense treibt. Danach erreichte er das Team allerdings nicht mehr. Dicker Kritikpunkt bleibt sein statisches Offensiv-System. Auch ohne echten Playmaker ist das ewige „Spieluhr-Melken“ nicht wirklich ratsam.


…und abseits des Spielfeldes?

Dirk Nowitzki
Dürfte sich bestens ausgeruht haben, sah jedes Spiel im TV und eröffnete zwischenzeitlich sogar einen Streetball-Court in Istanbul um Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Außerdem: Sein „eternal struggle“ mit diesen Blähtonkügelchen war die beste Werbung, die er jemals drehte.

Frank Buschmann (TV-Reporter)
Gewohnt emotional und mitreißend. Immer mit dem Herz auf der Zunge. Großartige Performance.

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Foto: FIBA ARCHIVE


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