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by Flo HolnburgerDas DBB-Team in der Einzelkritik
105 Sekunden fehlten und alles wäre jetzt gut. Eine Minute und 45 Sekunden vor Ende brachte Tim Ohlbrecht, das deutsche Team mit 9 Punkten in Führung. Ja, es ist ziemlich mies diesen komfortablen Vorsprung nicht über die kurze Zeit gerettet zu haben, aber man sollte die viel besagte Kirche in Dorfe lasse. Richtig peinlich ist vielmehr so etwas: Patrick Stefan lieferte die Definition von Peinlichkeit Klick. Ehrlich, wäre diese Aktion eine Person, trüge sie ein riesiges „Kick me“-Schildchen auf dem Rücken. Wie drückte es DBB-Chef Ingo Weiss außerdem aus: „Die Fortschritte und den Erfolg bei der WM lassen wir uns nicht kaputt reden!“ Da hat er auch wieder recht, hier also die Einzelkritik nachdem sich der erste Staub legte.
„Wir werden das nächste mal cleverer auftreten.“, versprach Boss Weiss zudem. Ja, eine bis auf Jagla, Greene und Hamann komplett Euroleague-unerfahrene Truppe verhielt sich keinesfalls clever und verlor vermutlich vor allem auch deshalb in den entscheidenden Situationen den Kopf. Diese harten WM-Minuten sind daher gleich doppelt wertvoll. In weniger als vier Wochen beginnt derweil bereits die neue Clubsaison.
Jan Jagla – 13.8ppg – 6.2rpg –
3apg – 65%3er
Jagla versuchte sich als Führungsspieler und
minimierte dabei sogar seine Dauer-Diskussionen mit den Refs.
Insgesamt machte Jagla seine Sache insgesamt gerade noch
zufriedenstellend, passte gut und band sich meist effizient in der
Defense ein. Immerhin ist er ein Spieler – dies vergisst man gerne
- der in seinem polnischen Vereins-Team nur als Rollenspieler
eingesetzt wird. Wohl auch deswegen konnte Jagla ausschließlich
gegen Serbien die Rolle des Leaders voll ausfüllen, als er für den
Moment dieser WM sorgte! Unverständlich dagegen seine Performance
gegen Angola. Zwar pfefferte er satte sieben Dreier in die Reuse,
warum er aber mit 10 bis 15cm Längenvorteil nicht die leichteren
Punkte in der Zone suchte bleibt ein Rätsel für die Ewigkeit. Trotzdem, sein Wurf war einfach superkalifragiexpialigalietisch.
→
Wenn Nowitzki und Kaman zurückkehren, wird Jagla zwar öfters als
Center spielen, aber dennoch deutlich weniger Einsatzminuten
erhalten.
Heiko Schaffartzik – 9,4ppg –
2,8apg –2,6TO – 40%3er
Heiko wie er leibt und lebt.
Vernachlässigbar in der Zone (20% Quote), dafür meiselt er die
verrücktesten Würfe von Downtown in den Korb. Er kann seine eigen
Würfe kreieren, was wichtig für das Team war. Allerdings kam wieder
die berechtigte Frage auf, ob er nicht dauerhaft auf die Zwei
wechseln soll. Schaffartzik wird auf internationaler Ebene wohl kein
adäquater Spielmacher mehr.
→ „Der Verrückte“ bleibt auch
in Zukunft absolut unverzichtbar
Tibor Pleiß – 8.2ppg –
6rpg - 92%FT
Pleiß finishte so, wie er begann.
Stark. Dazwischen enttäuschte er. Aber nur sein Abtauchen gegen
Angolas Zwerge darf man ihm wirklich übel nehmen. Highlight war
sicherlich das Match gegen Argentinien und dessen ausgefuchsten
Center Fabricio Oberto, als er wie ein Leuchtturm in der Brandung für
vorbildliche Mannschaftverteidigung sorgte. Erwähnenswert ist der sichere Freiwurf des Riesen. Dies macht ihm neben seiner starken Defense zum unverzichtbaren Crunchtime-Spieler.
→ Auch wenn man den 20-jährigen jetzt schon in die
NBA werfen könnte, sollte er noch ein zwei Jährchen in Europa
geparkt werden. Pleiß hat alle Ansätze die „Socke“ (Femerling)
zu ersetzen und vermutlich noch mehr zu erreichen.
Tim Ohlbrecht – 8ppg – 4,4rpg –
63%2er – 44%3er
„Timmy O“ spielte erfreulich gut. Anfangs
versteckte er sich noch oder machte seine obligatorischen Fehler.
Ausgerechnet beim Wegwerf-Spiel gegen Australien fand er ins Turnier
und ließ fortan nicht mehr locker. Großartig war seine Leistung
gegen Angola, als er Deutschlands einziger Spieler war, der konstant
den Zonen-Fight annahm.
→ Schade, wenn Nowitzki, Kaman und auch
Kapitän Schultze zurückkehren, dürfte der 22-jährige kaum Zeit
erhalten. Aber, er kann von seiner Turnierleistung profitieren und
sich in Bonn unter Coach Mike Koch zum unverzichtbaren
Leistungsträger entwickeln.
Demond Greene – 7,2ppg
War in den ersten beiden Spielen gegen
die Schwergewichte (ARG, SRB) der Leistungsträger und kam auf 17,5
Zähler im Schnitt. Danach war seine Form wie abgewürgt. Er traf in
drei Spielen keinen einzigen Feldwurf mehr!
→ 31 Jahre ist
eigentlich kein Basketballalter, dem von Verletzungen schwer
mitgenommenen Greene darf man aber vermutlich noch 5 Jahre
biologischen Alters draufpacken. Nächste Saison spielt er nur in der
zweiten Liga und sieht demnach zwei Jahre die Euroleague höchstens
von der Mattscheibe aus. Trotzdem, sollten sich keine weiteren Zweier
hervortun, bleibt er unverzichtbar... Schwethelm. Staiger oder auch
Karsten Tadda stehen jedoch in den Startlöchern.
Lucca
Staiger – 7.3ppg
Streaky as hell. Drei Spiele eiskalt wie ein
Eiswürfel (Bauermann verzichtete sogar auf ihn gegen Serbien), dann
schießt er Deutschland gegen Angola beinahe zum Sieg und finisht
darauf die WM mit einer couragierten Leistung. Staiger hat die
feinste Wurftechnik des Teams, die nötige Länge (1,95m) um auf der
Zwei zu rulen und offenbar auch den Willen zu harter Arbeit –
letzteres bewies er durch zahlreiche Penetrations.
→ Es bleibt
zu hoffen, dass Staiger bei ALBA wenigstens 15 Minuten pro Spielabend
ran darf. Falls nicht, geht die Yabazz-Crew höchstpersönlich mit
den mittlerweile etwas vergilbten „Free Lucca“-Schildern im
Protestmarsch nach Berlin.
Steffen Hamann – 5,4ppg –
3,4apg – 2,0apg
Man darf nicht den Fehler begehen, Hamanns
Leistung auf die zwei dämlichen Ballverluste gegen Angola zu
reduzieren. In den ersten beiden Partien war er eine unglaublich
wichtige Stütze für das Team. Außerdem hat er auf der Eins
natürlich auch einen selten undankbaren Job.
→ Hamanns Stil ist
ein gutes Asset für jedes Team, allerdings sollte neben ihm ein
echter Playmaker im Kader stehen. Ein Jahr spielt er jetzt erst mal
in der ProA, d.h. mindestens zwei Jahre ohne Europa-Basketball. Eine
durchaus seltsame Entscheidung für einen Spieler, der mitten in der
Prime, seinem Zenit steht.
Chris McNaughton – 5,4ppg –
2,6rpg
„Naughty“ tut was er am Besten kann. Mit seiner
mittelalterlichen Spielweise kann er jedem Gegner Schaden zufügen.
Highlight war sicherlich sein bärenstarkes Match gegen Serbiens
mächtige Frontcourt-Riege.
→ Gutes Turnier des 27-jährigen
Spätstarters. Hinter Nowitzki, Kaman, Jagla, Pleiß, Schultze und
Ohlbrecht dürfte aber für die nächsten zwei Jahre kein Platz mehr
im Kader sein.
Robin Benzing – 4,6ppg – 33%2er –
30%3er
Eigenwerbung bei NBA-Scouts war das nicht. War die Schelte
Bauermanns zu viel für ihn? Vermutlich verließ aber den noch
unbeständigen Benzing die Form zur blödest möglichen Zeit.
→ Unverzichtbarer Bestandteil der
Zukunft. Benzing wird seinen Weg machen, muss aber noch mehr an der
Athletik arbeiten. Da er genetisch wohl zum Spargeltarzan veranlagt
ist, bedeutet dies besonders harte Arbeit für die nächsten Jahre.
Philipp Schwethelm – 4.4ppg –
46%3er
Eigentlich sollte er den Begriff Hinterbänkler neu
definieren. Am Ende der WM definierte er aber eher den Begriff
„Hustler“ neu. Nervenstark und kampflustig spielte er sich in die
Herzen der Fans.
→ In dieser Form unverzichtbar für die
Nationalmannschaft.
Elias Harris – 3.4ppg – 2rpg
War
offensiv nicht existent, seine athletischen Stärken blieben de facto
ungenutzt. Wenn er frei war spielte man ihn nicht an. Fand sich
diesmal offenbar nicht im starren System Bauermanns zurecht, auch
weil er oft zu unkontrolliert spielt.
→ Müsste auch die
DBB-Zukunft mittragen können, seine Leistung bei dieser WM blieb
aber rätselhaft.
Per Günther – 0ppg - 0,7apg
Kam mit,
zahlte Lehrgeld, spielte aber ordentliche Schlussminuten.
→ Muss natürlich noch viel lernen,
könnte aber mal so etwas wie ein echter Spielmacher werden.
Dirk Bauermann
Er stellte das Team
großartig gegen Argentinien und Serbien ein. Seine Philosophie einer
starken Mannschaftsverteidigung schien aufzugehen. Unglaublich wie er
defensive Abtaucher wie Schaffartzik, Benzing und Staiger zu
hochklassiger Team-Defense treibt. Danach erreichte er das Team
allerdings nicht mehr. Dicker Kritikpunkt bleibt sein statisches
Offensiv-System. Auch ohne echten Playmaker ist das ewige
„Spieluhr-Melken“ nicht wirklich ratsam.
…und abseits des Spielfeldes?
Dirk Nowitzki
Dürfte sich bestens
ausgeruht haben, sah jedes Spiel im TV und eröffnete
zwischenzeitlich sogar einen Streetball-Court in Istanbul um
Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Außerdem: Sein „eternal
struggle“ mit diesen Blähtonkügelchen war die beste Werbung, die
er jemals drehte.
Frank Buschmann (TV-Reporter)
Gewohnt emotional und mitreißend.
Immer mit dem Herz auf der Zunge. Großartige Performance.
______________
Foto: FIBA ARCHIVE
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