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Arigbabu, the analyzer!
Sep. 07, 2010 / Nationalmannschaft
by Flo Holnburger
Stephen Arigbabu über die WM
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Stephen Arigbabu ging von 1990 bis 2007 in insgesamt 166 Einsätzen mit dem Nationalteam durch dick und dünn, erlebte das Tief der Jahre nach dem Titel 1993, sowie die Höhepunkte um den Gewinn von WM-Bronze '02 und EM-Silber '05. Arigbabu beschäftigt sich zwar viel mit seinem eigenen Mode-Label "Arist" samt Web-Shop (oben im Foto steckt er sogar selbst in einem freshen Shirt), hört man der DBB-Legende mit ungeteilter Aufmerksamseit  zu, wenn er für Yabazz das Abschneiden des deutschen Teams bei der WM in der Türkei en detail analysiert.


YABAZZ:
Stephen, eigentlich wollten wir uns für ein "Round up"? nach der WM-Vorrunde sprechen. Jetzt muss ich aber leider schon nach Deinem WM-Fazit fragen?

STEPHEN ARIGBABU: Tja, unterm Strich war die Leistung schon enttäuschend, keine Frage. Dennoch muss man bei diesem jungen Team vor allem das Positive hervorheben, eben die starken ersten Spiele. Schwarzmalerei oder Einkloppen auf Spieler ist der denkbar falsche Weg. Man muss auch immer wieder betonen, dass das Team ja nicht für das Turnier qualifiziert war. Führt man sich dies vor Auge, schlug sich die Mannschaft vor allem am Anfang sehr gut.

Trotzdem standen neun der zehn europäischen WM-Teams im Achtelfinale. Nur Deutschland nicht...

Beschönigen will ich hier nichts. Angola muss man definitiv hinter sich lassen.  Aber auch wenn die Leistung im vergangenen Jahr gut war, offiziell qualifizieren konnten sie sich eben nicht. Wenn ich jetzt lese, dass alles katastrophal gewesen sein soll, ärgere ich mich. Ich meine, bspw. Tim Ohlbrecht ist erst 22, er spielt seit gefühlten zehn Jahren in der Bundesliga und ist immer noch so jung. Den Jungs muss man einfach noch Zeit geben, sie müssen lernen dürfen. Manche tun auch unbegründet so, als ob Deutschland plötzlich eine Basketballmacht wie Spanien oder Serbien sei.

Die Nowitzki-Jahre, sowie die grandiosen ersten beiden WM-Spiele verwöhnten den Betrachter wohl zu sehr. Dazu war die Niederlage gegen Angola wirklich ein gnadenloser Höllenritt. 9 Punkte reichten nicht  für 105 Sekunden....

Sicherlich. Dazu ist Deutschland ja traditionell eine Turniermannschaft. Diesmal war es ja nahezu der Gegensatz. Die Jungs hatten halt ihre besten Spiele am Anfang und kamen sofort ins Turnier. Aber es stimmt 9 Punkte in eineinhalb Minuten! Ein Videospiel macht man da schon aus, weil man nicht mehr verlieren kann. Irgendwie sind solche unglaublichen Dinger aber auch das, was Basketball schön macht. Wie damals 2005, als Dirk Nowitzki diesen wahnwitzigen Schuss gegen Spanien machte. Es macht halt bloß nicht so wirklich Spaß, wenn man auf der anderen Seite steht...

Oh ja, Hamann war nach dem Angola-Spiel den Tränen nah, Pleiß ging fluchend in die Kabinen. Was machen die Spieler nach diesen harten Ereignissen nun so?

Ab nach Hause zur Familie und noch drei, vier Tage wegfahren. Versuchen den Kopf frei zu kriegen und dann geht schon die Vorbereitung auf die neue Saison los.

Gibt's bei der Verarbeitung Unterschiede im Alter?

Klar, 25- bis 30-jährige wissen was sie können und glauben an sich. Die jüngeren lassen sich von der oftmals zu heftigen Kritik hoffentlich nicht aus dem Konzept bringen. Sie bewiesen ihr Können bereits. Es fehlt ihnen allein noch die Konstanz ihre Leistung abzurufen. Drei, vier Jahre BBL sollten da helfen.

Erfahrung also? War Erfahrung der Hauptgrund für das Scheitern? Oder sind die DBB-Jungs auch einfach nicht viel besser. Jan Jagla bspw., soll plötzlich ein Anführer sein, spielte aber bei seinem polnischen Klub nur 17,8 Minuten im Schnitt. 

18 Minuten klingt ganz deutlich nach Rollenspieler. Ich sagte ja. Deutschland ist keine Großmacht im Basketball. Trotzdem halten sich die Gründe die Waage. Fehlende Erfahrung und fehlende mentale Fitness fielen ebenfalls auf. Selbst die Veteranen erwischte es, Demond war nach gutem Anfang total kalt. Normalerweise liefern solche Spieler bei zehn Auftritten, acht gute Leistungen. Den Gründen sollte man nachgehen und es dann möglichst abstellen.


Wäre vielleicht ein "Mental Coach" DIE Idee?

Ich erinnere mich noch an ein sehr gutes Buch, welches ich vor rund zehn Jahren las. Es hieß darin ungefähr: Ein Coach trainiert mit Dir alles mögliche von Taktik bis Kraft. Wenn's auf dem Spielfeld aber eng wird, schreit er nur "Konzentrier' Dich!" Aber trainiert hat er das nicht mit Dir. Will heißen: Auf lange Sicht ist ein Psychologe unverzichtbar. Er muss ja nicht ständig dabei sein, aber vor wichtigen Spielen auf alle Fälle. So wie ich Dirk Bauermann kenne, stünde er dem prinzipiell sehr offen gegenüber.

Zu Deiner Aktiven-Zeit im National-Dress, übernahmen wohl Physiotherapeut oder Zeugwart diese Aufgabe?

Richtig! Wir hatten immer zwei, drei Physios dabei, die uns auf ihren Liegen behandelten. Da gleich mehrere Spieler im Zimmer lagen, war dies wirklich ein wichtiger Treffpunkt zum Meinungsaustausch. Es war eine ehrliche Meinung, die nicht vom Coach kam. Das half auf jeden Fall. Heutzutage ist so etwas aber zu wenig. Da benötigt es einen Profi. Ich denke, es ist jetzt noch nicht unbedingt zwingend, aber in Zukunft wird es so sein.


Die Schuld des vorzeitigen Aus kann man auch zum Teil auf die Spielmacher schieben. Steffen Hamann und Heko Schaffartzik zogen den Angriff nicht immer gut auf?

Stimmt sicherlich. Hamanns Ballverluste gegen Angola sind kaum zu entschuldigen, auch Heiko machte Fehler. Trotzdem sind beides gute Spieler, keine Superstars, aber gute Jungs. Tja, ein Mix aus den beiden wär's halt...


Eine letzte Ursache für das Verpassen des Ziels ist die Athletik. Gegen Australien oder auch Angola war das Team eher überfordert?

Australien ist da vielleicht nicht so ein gutes Beispiel. Mit Maric und Anderson haben die schon zwei richtig starke Leute im Frontcourt. Ansonsten müssen unsere Jungs ihr Programm einfach durchziehen. Mein Kumpel, Marko Pesic, erzählte mir, was bspw. Robin Benzing alles macht. Der ist schon auf einem guten Weg...wie alt er ist 22, 23...

...21 ist der Benzing sogar erst...

(lacht) 21 erst! Mein Gott, und da machen die Leute so ein Theater. Benzing ist halt so ein Typ, wie damals Nino Garris. Der trainierte so viel wie Robert Garrett und Demond Greene, aber nur die letzteren zwei bekamen die dicken Muckies. Lassen wir Benzing seine Sache machen, vor zwei Jahren war er noch in der 2.Liga. Dirk (Nowitzki) entwickelte auch erst im Lauf der Jahre den NBA-Körper..und jetzt ist er 31. Bei Tibor Pleiß ist's genau so. Geben wir ihnen Zeit. 

Was aber auffällt. Letztes Jahr bei der EM, spielte Robin Benzing mit viel weniger Muskeln noch richtig traumhaft? Die Scouts leckten sich die Finger bis zum Ellbogen, um bei den Benzings eine Audienz zu erhalten.

Naja, schlechter ist er mit Sicherheit nicht geworden, aber er blieb bei der WM schon deutlich unter seinen Möglichkeiten. Die Konstanz fehlt halt noch. So viel ist klar. Andererseits darf die Kritik durchaus als Lob angesehen werden. Die Leute erwarten also etwas von ihm, obwohl er noch so unglaublich jung ist.

Da spricht die positiv denkende Logik aus Dir. Sehr schön. Weiter zu Elias Harris. Seine Athletik wurde im Turnier praktisch nicht eingesetzt. Auf dem College lötet er 40% der Dreier rein, bei der WM durfte er nichts machen.

Das hat mich auch gewundert. Jetzt müsste man natürlich seine genaue Rolle in Bauermanns System kennen. So hat's jedenfalls nicht funktioniert.

Gut, dass Du Bauermann ansprichst, der sein Ziel verfehlt hat. Er bleibt definitiv der Bundestrainer, aber sollte er auch bleiben?

Vom DBB wird er sicherlich nicht gekündigt. Dafür hat er viel zu viel geleistet und auf die Beine gestellt. Ob er selbst zurücktritt? Er muss sich an seinem Ziel messen und sich die Rücktrittsfrage dann selbst stellen. Alternativen gibt's auch nicht wirklich?

Vielleicht Mike Koch, Stefan Koch oder Svetislav Pesic

Ja, gute Kandidaten. Ich denke aber, Bauermann sollte unbedingt bleiben. Sein Offensiv-System ist nicht immer das Beste, ansonsten gibt's nichts zu beanstanden. Außerdem, wären diese angesprochenen 105 Sekunden nicht gewesen, würde nun kaum einer Bauermanns Arbeit in Frage stellen. 


Wie tickt Dirk Bauermann eigentlich so? Nimmt er sich die Kritik sehr zu Herzen?

Wie jeder Coach hat er zwei Seiten. Die private -  da ist er nett und ganz normal - sowie seine "Hallen-Seite". Da weicht die Privatseite einer sehr ehrgeizigen, zielstrebigen Auffassung. Was ich an ihm wirklich mag: Selbst nach harter Arbeit, hat er immer einen guten Spruch auf den Lippen. Mit Kritik kann er bestens umgehen, dafür hatte er bereits ausreichend Erfolg.

Dirk Bauermann nimmt nun ja Demond Greene und Steffen Hamann mit in die zweite Liga zum FC Bayern München. Das heißt, sie spielen nun mindestens zwei Jahre keinen Euro-Basketball im Verein. Packen sie dennoch das Niveau der Nationalmannschaft?

Das sehe ich kein Problem. Ich denke, sie sind erfahren genug, dass sie sich auch von der 2.Liga aus gut einstellen können. Außerdem wird in München ja nicht ProA-üblich trainiert. Bauermann leitet da ein Qualitäts-Training in allen Bereichen.


Wunderbar, Stephen. Vielen Dank für die ausführliche Analyse! Den Lesern sei Stephens Web-Shop seines eigenen Labels ARIST ans Herz gelegt. www.arist.de bietet stylishe Shirts für Baller, gerade für die langen Jungs. Das Shirt im Foto ist übrigens hier zu finden: KLICK!




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