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"Wir überlegten bis zur letzten Sekunde ob wir uns zurückziehen sollen oder nicht"
Dec. 16, 2011 / Nationalmannschaft
by Flo Holnburger
Argumente gegen Airline - DBB-Sprecherin Elisabeth Kozlowski über den EM-Verzicht
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Der DBB bemüht sich nach dem freiwilligen Verzicht auf die EM 2015 um Transparenz. Die Beweggründe richten sich scharf gegen die FIBA Europe, die den Anschein macht, den zweifelhaften Praktiken anderer großer Sportverbände in nichts nachzustehen. DBB-Pressesprecherin Elisabeh Kozlowski nahm sich für ein detailreiches Interview Zeit.

 

Yabazz: Vier Tage vor der Entscheidung entschied sich der DBB die Bewerbung für EuroBasket 2015 zurückzuziehen. Wie ist die Stimmung im Hauptquartier in Hagen?

Elisabeth Kozlowski: Die Enttäuschung überwiegt, da wir das Projekt mit sehr viel Herzblut betrieben haben. In den letzten Tagen haben wir parallel an der Fertigstellung der 30-minütigen Bewerbungs-Präsentation für Sonntag gearbeitet und Szenarien für einen möglichen Rückzug vorbereitet. Wir hofften immer noch auf ein positives Ende. Nun aber ist man plötzlich von einem auf den anderen Tag aus dem Prozess raus, das ist ein bisschen skurril. Wir haben mit Dirk Nowitzki und Tony Parker Material für die Präsentation vorbereitet und zuletzt mit Heiko Schaffartzik auf einem Hochhausdach in Berlin gedreht. Das alles wandert jetzt in die Schublade.

Man könnte die Videos zumindest noch auf YouTube einstellen?

Zumindest die Outtakes werden wir wohl schon online stellen, aber wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Kommen wir zu den Details des Verzichts. In einer gemeinsamen Presseerklärung der vier Verbände gab man die vier Millionen große Sponsorenforderung als Knackpunkt an. Was steckt da dahinter?

Die FIBA Europe fordert für die Austragung der EuroBasket einen bestimmten Betrag. In diesem Fall reden wir von mindestens acht Millionen Euro, welche man aber zweigeteilt betrachten muss. Vier Millionen als grundsätzliche Gebühr sowie vier Millionen für ein Sponsoren-Paket. Also Bandenwerbung, Fernsehzeiten und dergleichen. Klar definiert ist da aber nichts.


Am 7.12. erreichte uns das Schreiben, welches uns letztendlich zum Rückzug bewog. In diesem Schreiben forderte FIBA Europe, dass wir zum Entscheidungstermin am 18. Dezember einen Sponsor, der eben diese vier Millionen garantiert, präsentieren, wohl vor dem Hintergrund, dass die Ukraine ihre staatliche Airline als Partner vorstellt. Für uns hätte dies bedeutet, dass wir – ich nenne jetzt mal einen fiktiven Partner – zu Opel oder Mercedes gehen hätten sollen und dort anfragen müssen ob sie uns für ein vier Jahre entferntes Event - für das wir noch keine Rechte haben – ein Sponsoring garantieren. Das entbehrt schlichtweg einer seriösen Grundlage. Zudem änderte die FIBA Europe auch kurzerhand die Zahlungsmodalitäten. So wäre die letzte Zahlung bereits fünf Monate vor dem ersten Hochball, also im März 2015, eingefordert worden. Da die Verbände aufgrund der Regularien fast nur durch die Ticket-Einnahmen etwas verdienen können hat das die Lage nochmals verschärft. Wir kennen das aus anderen Turnieren, fünf Monate vor dem Start sind maximal zehn Prozent der Tickets verkauft.

Ein „Vorvertrag“ mit Sponsoren ist heute keine übliche Vorgehensweise mehr?

Nein, außerdem sind die Sponsorenverträge ein Sachverhalt, bei dem auch noch der FIBA-Welt-Verband mitmischt und das Ganze auf eine neue Stufe der Komplexität anhebt. Hätten wir am 19.12. die Austragungsrechte erhalten, wären wir auf verbindliche Sponsoren-Suche gegangen.


Der DBB verkündete, dass Geld kein Problem gewesen wäre. Acht Millionen Euro hören sich für einen Verband mit einem jährlichen Budget von 5.5 Millionen Euro nach sehr viel an...

Es ist viel. Man muss hierbei allerdings festhalten, dass die geforderte Summe auf alle vier Verbände aufgeteilt worden wäre. Der DBB hat mit seinen Partnern einen seriösen Finanzierungsplan vorgelegt, der alle geforderten Beträge beglichen hätte. Aber endgültig eben erst nach dem Event, was für den gesunden Menschenverstand eigentlich logisch klingt.

Wäre mit den neuen Forderungen der FIBA Europe ein Millionen-Defizit befürchtet worden?

Soweit konnten und wollten wir es nicht kommen lassen. Durch die Forderungen hätten wir uns vor unseren Partnern - also der Stadt und dem Land Berlin, sowie NRW mit den Städten Köln und Düsseldorf und zuletzt auch dem Steuerzahler – nicht mehr rechtfertigen können. Da wir aber auch weiterhin als seriöser Gesprächspartner angesehen werden möchten zogen wir uns zurück.

Nun ist Ingo Weiss der Vizepräsident der FIBA Europe, konnte er der neuen Entwicklung auch nichts entgegenwirken?

Man muss hier unterscheiden zwischen Präsidium und dem ausführendem Organ um Generalsekretär Nar Zanolin. Unser Präsident ist bekannt dafür, die Probleme klar anzusprechen und mit dem Rückzug, gerade in der Deutlichkeit und Vehemenz, setzt auch Ingo Weiss ein klares Zeichen. Im Übrigen sind alle vier Präsidenten der Bewerbungs-Gemeinschaft Mitglieder im Board der FIBA Europe und werden am Sonntag die Diskussion suchen.

Wollte die FIBA Europe Ukraine als Ausrichter haben? Wenn man deren nachgereichten und viel zu knapp gehaltenen Bewerbungsunterlagen sieht, erinnert das ein bisschen an die Fußball-WM-Vergabe nach Quatar, an die olmypischen Winterspiele in Sotschi.

Ich will das ukrainische Komitee nicht an den Pranger stellen, aber bei den angesprochenen Bid Dossiers kamen wir das erste Mal ins Grübeln. Wir reichten unser gemeinsames Dossier ordnungsgemäß bis zum 1. August ein, es war 122 Seiten lang und hatte alle notwendigen Angaben. Wir machten dies im Nationalmannschaftssommer ja nicht nur, weil wir Lust und Zeit dazu hatten. Die Ukraine lieferte ihr Dossier dagegen Wochen später nach – was unserer Meinung nach gegen die offizielle Bewerbungregeln verstieß. Ich habe ihr Dossier vor mir liegen, es ist sage und schreibe 14 Seiten lang und von Hallenplanung, Transport oder Hotelbelegungsplan ist darin nicht viel zu sehen. Unser Bewerbungsteam hatte dennoch großes Selbstbewusstsein, dass die sachlichen Argumente überzeugen. In der o2-World in Berlin wären die fünf deutschen Spiele eingeplant gewesen, als Trainingshalle war die Max-Schmeling-Halle gedacht. Ein Top-Niveau also und beste Bedingungen für die Sportler.

Zog man sich auch vier Tage vor der Abstimmung zurück, da eine Farce-Wahl befürchtet wurde?

Nein, wir hatten keine Angst vor der Abstimmung. Wir überlegten ja auch bis zur letzten Sekunde ob wir uns zurückziehen sollen oder nicht, weil wir auf eine Klärung gehofft haben. Allgemein wurden wir als der aussichtsreichere Kandidat favorisiert. Unser Konzept steht nach wie vor und wir sind nach wie vor überzeugt davon, dass die EuroBasket 2015 einen Ausrichter verdient, der professionell arbeitet und unsere Sportart durch das Event weiter nach vorne bringt. So gerne wie wir aber die EM ausgerichtet hätten, wir mussten letztendlich diese Entscheidung treffen.

In den östlichen Staaten scheint Macht und Wirtschaft noch sehr eng verbunden zu sein, was das Sponsoring... sagen wir mal „erleichtert“.  Kann indes die EuroBasket in westlichen Staaten nicht mehr alleine ausgetragen werden?

Die aktuelle Finanzkrise macht es für jedes Land schwierig, das nötige Kapital aufzubringen. Insgesamt hätte die EM 2015 ein Budget von 30 bis 35 Millionen Euro gehabt, das ist nicht leicht zu stemmen. Es war unsere Vision die EuroBasket neu auszurichten und auch kleineren Verbänden eine Vorrunde zu ermöglichen. Dabei waren diesmal sogar keine kleinen Verbände im Bunde, in Frankreich wird hochprofessionell gearbeitet und selbst dort hätte man die EM nicht alleine finanzieren können.

Nun steht leider mehr oder weniger offiziell fest, dass man dem großen Dirk Nowitzki nie ein Heim-Turnier ermöglichen konnte. Er wäre wohl nur für die Heim-EM 2015 nochmal ins DBB-Dress geschlüpft...

Sehr schade, ja. Allerdings weiß man bei Dirk nie. Wir haben da die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Bereits letztes Jahr meinten viele er werde den Teufel tun und nach über 110 NBA-Spielen und nur sehr kurzer Pause noch für das Nationalteam auflaufen. Offiziell ist er nicht zurückgetreten, er hat auch immer betont, dass er für Deutschland spielen werde, wenn es um etwas gehe und er fit ist. Aber es geht nicht nur um Dirk. Die EM 2015 in Deutschland war für viele andere Spieler auch ein großes Ziel und ein tolles Erlebnis – insofern für alle extrem bitter.

Wobei unsere heimischen Youngster auch 2018 ein gutes Alter erreicht hätten. Robin Benzing wäre dann 29 Jahre alt, Niels Giffey 27 oder Paul Zipser 24. Wolfgang Brenscheidt und Ingo Weiss überlegten ja bereits laut, wird man sich gemeinsam mit Frankreich für die WM 2018 bewerben? 

Es ist eine Überlegung und sicherlich der logische Schritt für uns. Allerdings darf man da nicht vergessen, dass die WM 2010 in der Türkei war und die WM 2014 in Spanien stattfinden wird. Es hängt von der Mitbewerber-Situation ab. Eine WM drei Mal hintereinander in Europa ist eher unrealistisch, aber auch nicht unmöglich. Die FIBA World ist eben keine FIBA Europe, die Großturniere reihenweise in den Osten Europas vergibt. Wenn sich allerdings kein Bewerber aus Amerika, Asien, Ozeanien oder Afrika findet, haben wir sehr gute Chancen und werden alles daran setzen, das Event nach Deutschland zu holen. 


Vielen Dank für das Gespräch!

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